Durch die Hardangervidda

Am nächsten Morgen dann tauchen wir das erste Mal wirklich ein in das Norwegen, das wir uns zuhause ausgemalt hatten. Fast. Denn die Wirklichkeit holt die Fantasie schnell ein und ist noch um ein Vielfaches grandioser, rauher, faszinierender. Von Geilo kommend schraubt sich der Riksvei 7 langsam hinauf auf das insgesamt fast 9000 qkm große Hochplateau mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 1200m. Ist der Weg anfänglich noch von lichten Mischwäldern, hauptsächlich mit Birken durchsetzt gekennzeichnet, wird er nach oben schnell kahler und auf der Hardangervidda breitet sich ein von Moosen und Flechten durchzogenes Fjell aus. Zahlreiche Wasserläufe, kleine Teiche und immer wieder verbliebene Schneefelder kennzeichnen die Natur. Die Temperatur ist auf sportliche 6 Grad gesunken und es bläst ein eisiger Wind. Es herrscht ein subpolares Klima auf der Hardangervidda. Vom Wetter bisher nicht allzu verwöhnt ergreifen wir die Gelegenheit, bei einem Fellhändler im Fjell zwei Schaffelle als Auflage für unsere Campingstühle zu kaufen. Eindeutig ein Souvenirshop der anderen Art. Neben Schaf- und Rentierfellen gibt es auch Rentierschädel mit Geweih, warme Wollsocken und Handschuhe. Wir haben zum Glück von der Kurzen Hose bis zur dicken Winterjacke wirklich alles dabei – außer Mützen und die wären hier wirklich hilfreich. Die Mützen, die unser Fellhändler in Ergänzung seines eigenen Sortiments anbietet, stammen leider aus Fernost und der Pelzpuschel oben drauf ist demnach vermutlich mit einem unserer Reisebegleiter entfernt verwandt gewesen. Hunde- und Katzenhaare auf der Kleidung werden bei uns nur vom lebenden Exemplar und im Rahmen des normalen Fellwechsels geduldet.

Souvenirshop der anderen Art: Fellhändler auf der Hardangervidda

Es ist also wie es ist und so zurren wir die Kapuzen unserer dicken Jacken fest, als wir das Wohnmobil auf einem als Rastplatz gedachten Asphaltstreifen neben der Straße abstellen und losstapfen in die wilde Natur. Die Hunde sind begeistert, Schnee im Juni. Dazu Wasser und endlose Strecke zum wilden Rennen und Toben. Weit und breit keine Menschenseele außer uns und auch kaum Verkehr auf der sich immer weiter entfernenden Straße. Das also ist es denken wir, das Gefühl Norwegen zu erleben. Wir sind begeistert.

Ein Königreich für eine Mütze!

Als wir weiter fahren Richtung Eidfjord ändert die Landschaft ihr Erscheinungsbild wieder vollständig. Es geht jetzt steil bergab Richtung Hardangerfjord. Dunkelgrüne Wälder bedecken die Hänge. Am Vøringsfoss, einem der angeblich schönsten Wasserfälle, der ebenfalls an der Rv 7 liegt, halten wir an und staunen. Über die ungeheure Kraft des Wassers, die sich hunderte Meter tief in den Abgrund stürzt und zur Energiegewinnung genutzt wird aber auch über den offenbar neu gestalteten spektakulären Aussichtspunkt am Fosseli Hotel. Er liegt etwas oberhalb der Rv 7, bietet große Parkplätze auch für Wohnmobile und man kommt von dort beeindruckend nah an die gewaltigen Wassermassen heran. 

Mit extrem leckerem selbstgebackenem Kuchen und Waffeln mit Sauerrahm stärken wir uns im Fosseli Hotel, bevor es bei der Weiterfahrt gleich steil bergab geht und fahrerisches Können erstmals richtig gefordert ist. Hinunter nach Eidfjord geht es nicht so sanft wie bergan von Geilo aus. Steil ist die Straße, gespickt mit engen Kurven und dunklen schmalen Tunneln. Das Getriebe heult aber es hilft nichts, sicher bergab auf dieser Straße kommt das schwere Mobil nur mit der Motorbremse.

In Øvre Eidfjord steht das Hardangervidda Natursenter mit einer lohnenswerten Ausstellung, die mit einem Panoramafilm des Norwegischen Filmemachers Ivo Caprino beginnt. Leider braucht man nach Auskunft des netten Mitarbeiters am Eingang sicher eineinhalb Stunden für einen sinnvollen Aufenthalt. So lange wollen wir die Hunde nach diesem langen Tag nicht mehr im Auto lassen und verschieben das auf einen späteren Wiederholungsbesuch. Immerhin, im gegenüberliegenden Visitorcenter gibt es original in Norwegen hergestellte wärmende Strickmützen ohne Haustierapplikation zu einem erschwinglichen Preis – damit ist diese Ausstattungslücke auch gefüllt. 

Wir fahren weiter entlang des Eidfjords und mit Blick auf die den Hardangerfjord überspannende Hardangerbrücke, deren Zu- und Abfahrt jeweils in einem unterirdischen Kreisverkehr im Fels liegt. Unser Etappenziel heute ist Kinsarvik, das wir gegen Abend erreichen und wo wir auf dem Kinsarvik Camping oberhalb des Fjords unser Quartier aufschlagen.

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