Das Glück auf dem Teller

Fotocredit: Getty Images

Für heute sei schon geschlossen. Wir müssten zuerst anrufen, wenn wir zum Essen kommen wollten und ganz wichtig: es gibt kein „Kommerzielles Essen“ – Cevapčiči hat er nicht auf der Karte. Lieber nur 20 aber die dann als zufriedene und glückliche Gäste. Das in etwa ist die Begrüßung, mit der uns Kostja bei unserem ersten Versuch, in seiner Konoba im Hafen von Betina zu essen auch gleich wieder verabschiedet. 

In einem munteren Mix aus Englisch, Deutsch und Kroatisch nähern wir uns an. Wir versichern, genau so etwas gesucht zu haben, er drückt uns seine Visitenkarte in die Hand, am nächsten Morgen um 10 Uhr sollen wir anrufen. Dann wisse er, was er von den Fischern im Hafen bekommen hat und kann Pläne für Lunch oder Dinner machen. Wir trollen uns.

Am nächsten Morgen braucht es mehrere Versuche, schließlich ruft er mich zurück, wir können kommen. Um fünf sollen wir da sein, dann könnten wir essen.

Kostja ist der Chef in der Konoba Kanata. Als wir um fünf Uhr eintreffen, ordentlich durchgepustet vom Scirocco auf der kurzen Fahrt mit der Vespa von Plitka Vala nach Betina, steht er in seiner offenen Küche, stilecht in Kochjacke und mit -mütze, es dampft aus Töpfen und Pfannen, zwei Tische sind bereits besetzt. 

Das wir kommen, davon weiß seine Mitarbeiterin im Service offenbar nichts und will uns zunächst ebenfalls schnell wieder verabschieden aber der Chef winkt uns heran, lobt unsere Pünktlichkeit und wir bekommen einen Tisch im vorderen Bereich, an den eigentlich sechs Personen passen würden.

Die Konoba ist innen noch kleiner als erwartet, sie befindet sich in den Räumen der alten Apotheke von Betina, über der Theke hängt noch ein altes Schild, das auf die Farmacija hinweist. Die Mauern sind aus unverputzten Bruchsteinen, der rustikale Charme durch dunkle Balken, schwere Holztische und gemauerte Nischen, in denen Weinflaschen und Obstschalen stehen unterstrichen.

Wir bestellen ein lokales Bier und offenen Weißwein aus der Region, dazu kommt Brot und Olivenöl mit Kräutern, Chili und Salz. Köstlich. Dann sollen wir uns gedulden, der Chef käme gleich, um mit uns die Mahlzeit zu besprechen. Es ist April, absolut keine Saison. Es gibt also keine Karte, gekocht wird, was die Fischer und anderen lokalen Anbieter gerade frisch anbieten können. Ganzjährig geöffnet ist die Konoba dennoch.

Er hätte frischen Fisch, „cooked or grilled“. Ich wähle gegrillt und bekomme als Replik, dass ich dann wohl noch nie wirklich gedünsteten Fisch gegessen hätte. Gut, sage ich, wenn er also meint, der gedünstete Fisch sei besser, dann nehme ich den. Das freut den Chef. Er geht zurück in die Küche und kommt mit einem Teller zurück, um uns die Auswahl auch noch namentlich vorzustellen. Die Dorade erkennen wir sofort. Die käme gegrillt. Das andere Exemplar auf dem Teller sieht furchterregend aus und wir haben keine Ahnung, was das wohl sein könnte. Škrpina heißt er in Kroatien – bei uns großer roter Drachenkopf -, ist nicht sehr häufig, eine absolute Delikatesse, normalerweise entsprechend teuer und wegen seines festen Fleisches der perfekte Fisch, um im Sud gedünstet zu werden. Und wie der zu seinem Namen „Drachenkopf“ oder „Skorpionfisch“ kam, ist angesichts seines gruseligen Äußeren absolut einleuchtend. Giftig ist er außerdem und zwar tödlich giftig. Jedenfalls die Stacheln und Rückenflossen, solange er lebt und nicht gekocht wurde. Das Gift zersetzt sich beim Kochvorgang. Das lese ich mir alles erst nach dem Essen an. Vorher vertrauen wir ganz der Empfehlung und nehmen Dorade Royal vom Grill für Stefan und Škrpina gedünstet für mich. Bis das soweit ist, gibt’s Wein und Brot und Öl und eine fantastische klare Fischsuppe als Vorspeise. Herrlich.

Als der Hauptgang kommt, feiern mich sogar die drei Kölner mit schwerer Schlagseite vom Slivovic am Nebentisch: „Dorade könne ja jeder, meine Wahl jedoch sei definitiv ein besonderer Erinnerungswert.“ Scheinen öfter hier zu sein.

Gekocht sieht der Kollege noch furchteinflößender aus. Hinzu kommt, dass ich aus einer frühkindlich geprägten Angst heraus, an einer Gräte ersticken zu können, eigentlich niemals ganze Fische esse. Da vertraue ich meinen Fähigkeiten, fachgerecht zu filetieren, nicht. Kostja erklärt mir, wie man bei meinem Fisch ganz einfach mit Hilfe eines Esslöffels Fleisch von den Gräten schiebt – die übrigens so mächtig sind, dass man sicher sowieso keine von ihnen versehentlich mitessen würde. Klappt tadellos. 

Der Chef kommt mehrfach, um sich zu vergewissern, dass wir mit seinen Vorschlägen genauso zufrieden sind, wie er und dem kann nicht widersprochen werden. 

Zur Halbzeit kommt er nochmal und erklärt mir, wie ich das gute Stück jetzt vom Skelett befreie, wende und an die andere Hälfte des kostbaren Fleisches komme. Das beste übrigens seien die Bäckchen am Kopf und ich solle mich keinesfalls schämen – den müsse man auf alle Fälle auslutschen. Ob ich mich dazu werde hinreißen lassen können? Ich weiß es noch nicht.

Zum Glück kommt es nicht so weit, das Tierchen ist so hervorragend zubereitet, auch die Bäckchen lassen sich ohne das Ablutschen des Skelettkopfes herauslösen, mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen. Wir essen absolut alles restlos auf und grinsen wie zufriedene Kätzchen am Milchschälchen.

In der Zwischenzeit haben noch drei weitere Gäste, ein Einheimischer und zwei aus der Schweiz stammende Touristen Platz genommen. Insgesamt also zehn Gäste über den ganzen Abend. Als wir nach der Rechnung fragen, gibt’s für mich noch einen großartigen Slivovic. Ohne Rollerführerschein muss ich nur sicherstellen, dass ich mich auf der Rückfahrt noch festhalten kann. Stefan muss dagegen aussetzen.

Wir zahlen für alles € 39,- und noch Tage später frage ich mich, ob das vielleicht ein Umrechnungsfehler gewesen sein könnte. Kroatien hat zum 1.1.2023 die Landeswährung Kuna durch den Euro abgelöst. Ein Kilo Drachenkopf kostet bei uns zwischen € 50 und € 60, wenn man ihn denn bekommt und auch eine ganze Dorade hat ihren Preis. Das letzte Essen in einem Restaurant zuhause hatten wir in einer hippen Burgerkette in Kassel. € 68,- für zwei Personen für Burger, Süßkartoffel- / Kartoffelfritten, Onionrings und Getränke. Das war dann auch das letzte Mal.

Zum Abschied kommt der Chef nochmal aus seiner Küche, um uns zu verabschieden. Kurz zögert er, dann drückt er erst mich, dann Stefan innig und fest an seine Brust. Er freut sich offenbar wirklich sehr, dass wir sein Essen so gewertschätzt haben. Drei Tage habe er jetzt geschlossen, er müsse dringend etwas renovieren aber ab Montag dürfen wir gerne wiederkommen, Gelegenheit für weitere Challenges – ich hatte mein Grätentrauma der jungen Frau im Service gebeichtet. Einfach anrufen, wir wüssten ja jetzt, wie das funktioniert und seien immer willkommen.

Konobas sind typisch für Kroatien, insbesondere für Dalmatien. Eine Konoba ist eine Taverne, kleiner als das übliche Restaurant und angeboten wird eine kleine wechselnde Auswahl Gerichte aus Produkten lokaler Erzeuger. Fisch, Lamm, Schwein, Gemüse. Häufig sind die Rezepte in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Dazu gibt es Bier und offene Weine aus der Region sowie die heimischen Destillate.

Hinterlasse einen Kommentar