
Was fliegt denn da?
Von kleinauf konnte ich mich für das Beobachten von Wildtieren, ganz besonders aber von Vögeln begeistern. Ging an Sonntagen – bei schlechtem Wetter hörten wir im Radio „Von Hamburg nach Haiti“ und befeuerten meine spätere Reiselust – mein Vater mit mir morgens in den Wald, während meine Mutter daheim das Mittagessen vorbereitete, lernte ich von ihm die verschiedenen Waldvogelarten zu unterscheiden. Er erklärte mir Lebensweisen, Futter- und Nistvorlieben, was man aus der Schnabelform ableiten kann, wie sich die Flugbilder unterscheiden und welcher Ruf zu welchem Vogel gehört.
Später bekam ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten, was aufgrund des Datums im Grunde ein und das selbe war, Bestimmungsbücher geschenkt: Welt des Wissens, Kinder- und Jugendlexika und andere einschlägige Lektüre. Gartenvögel lernte ich zuhause bestimmen. Immer gab und gibt es in unserem Garten Futterstellen, Wasserbecken, Nistkästen.
Als ich 9 Jahre alt war, bekam ich – weil ich vermeintlich tapfer – einige Krankenhaussaufenthalte hinter mich gebracht hatte einen leuchtend grünen Wellensittich, Nicki. Das war zwar nicht der gewünschte Hund aber dafür sehr viel talentierter im Nachsprechen von Sätzen. „Du alter Eierkopp“ gehörte ebenso ins Repertoire (fand vor allem in der Ansprache meines Opa Verwendung) wie „Papa kommt, Kaffee kochen“ (sobald nachmittags rotes Auto am Haus vorbei fuhr – spätere Wagenfarben konnten ihm nicht vermittelt werden, es blieb beim roten Auto).
Wir fuhren nach Walsrode in den Vogelpark, im Urlaub besuchten wir auf Föhr die Vogelkoje oder fütterten von der Fähre aus die Möwen mit alten Bundeswehr-Keksen. In Florida war ich diejenige, der in einem vollbesetzten Glasbodenboot eine Möwe mitten auf die Brust kackte und bis heute ist einer von nur zwei lateinischen Namen, die ich mir überhaupt merken kann „bubo bubo“ – das stand an der Voliere des imposanten Uhus im Saupark in Springe (der andere ist übrigens lynx lynx für den Luchs).
Das in so jungen Jahren erworbenes Wissen über die Jahre, wenn es nicht abgerufen wird nur verschüttet aber nicht vergessen wird, wirkte sich vorteilhaft auf das Lernen für die Jägerprüfung aus. Allein die Tauch- und Schwimmenten auseinanderzuhalten erforderte einige Tricks und Eselsbrücken, der Rest war verstaubt aber noch vorhanden.
Auch meine Nichte war schon früh eine vielversprechende Jung-Ornithologin. Noch nicht dreijährig konnte sie zwar nicht lesen aber im Vogelbestimmungsbuch „Was fliegt denn da“, das selbstverständlich auch im Haushalt meiner Schwester vorhanden war, konnte sie jeden einzelnen Vogel mit Namen nennen und zwar nicht einfach „Ente“ oder „Spatz“, sondern die genaue Bezeichnung der Art. Memorieren durch wiederkehrendes Nachfragen. Das Wimmelbuch für angehende Vogelkundler sozusagen.
Bestimmungsbücher stehen auch heute noch auf meiner Fensterbank und nach wie vor beobachte ich mit meinem Vater in seinem oder meinem Garten das Treiben. Immer mal wieder kommen neue Arten, die früher nicht im Garten präsent waren hinzu oder bleiben andere ein Jahr aus.
Pelikane in Florida, Fisch- und Seeadler an der Müritz, Bartgeier im Engadin, Flamingos auf Sardinien: auch im Urlaub beobachte ich gerne das lokale Vogelvolk und natürlich bin ich in der Vorbereitung unserer ersten Norwegen-Reise auf ein Ziel gestoßen, dass ich unbedingt bereisen wollte: die Insel Runde.
500.000 Seevögel auf 100.000 Touristen

Runde liegt südwestlich von Alesund im Europäischen Nordmeer und beherbergt Skandinaviens südlichste und artenreichste Brutkolonie von Seevögeln. Etwa 170.000 Brutpaare sollen in den bis zu 250m hoch aus dem Meer aufragenden Felsen nisten. Neben Tordalken, Trottellummen, Eissturmvögeln, Basstölpeln, Seeadlern, Krähenscharben, Dreizehenmöwen und Raubmöwen auch der Papageientaucher.
Und die Aussicht auf die Beobachtung von Papageientauchern – Puffins, Lundevögeln und wie sie noch so heißen – in ihrem natürlichen Lebensraum ist in einen optionalen Abschnitt unserer Routenplanung eingeflossen, den wir uns für entsprechend geeignetes, also freundliches, Wetter vorbehalten haben. Danach sah es aber leider lange nicht aus. Trondheim: Regen, Nidarosdom grau in grau. Atlantikstraße, Ankunft im Regen, abends kurz mal trocken und kurzes Aufreißen der Wolken, Abreise im Regen. Andalsnes und Romsdalsfjord: nachts Sturm und so heftige Starkregenschauer, dass die Dichtungen aufgaben und die Heckgarage vom Wohnmobil mit Wasser vollgelaufen ist. Alesund: erbärmliche 11 Grad, Wind und Dauerregen – da half nur Frustshopping im Outdoorladen für irgendwann mal besseres Wetter. Und immer wieder der Blick in die Wetterapp des Norwegischen Meteorologischen Instituts „YR“, wohin die Reise sich weiter wenden sollte. Ein winziges Fenster von 2 mehr oder weniger regenfrei vorausgesagten Tagen und die Aussicht auf ein bisschen Sonne reichten uns schließlich, um die Option unserer Reisplanung zu ziehen.
Runde ist eine Insel und ohne Fähre erreichbar. Das liegt neben den Brücken zu den direkt benachbarten Inseln auch am Eiksundtunnel – er verbindet die Inselkommunen Hareid, Ulstein, Sande und Herøy zu der Runde gehört, mit dem Festland. Er ist knapp 8 Kilometer lang und mit 287m unter dem Meeresspiegel nach dem Ryfylke Tunnel (ebenfalls Norwegen, bei Stavanger) der zweittiefste Straßentunnel der Welt. Und der Tunnel, der mir mit meiner ausgeprägten Platzangst tatsächlich die meisten Schwierigkeiten bereitet hat. Ich hatte u.a. einen ungeheuren Druck im Kopf, abgesehen von den üblichen Platzangsterscheinungen. Aber ich wollte unbedingt nach Runde. Und dann geht doch einiges.
Auf der Insel gibt es zwei Orte: Runde und Goksøyr mit insgesamt etwa 100 Einwohnern. In Goksøyr starten die Wanderungen auf den Vogelfelsen und an dessen Fuß liegt der gleichnamige ganzjährig geöffnete Campingplatz. Und nicht nur Ort und Campingplatz tragen diesen Namen, sondern auch der Besitzer und Betreiber, dem ich schon sehr lange auf Facebook folge. Wo er fast täglich über seine Insel schreibt, ihre Bewohner und Besucher, über das Wetter und seine Veränderungen, gesellschaftliche und politische Veränderungen. Ab Runde fährt – wenn die Wetterbedingungen passen – die Aquila auf Vogelbeobachtungstouren zu den Brutfelsen. Buchung an der Rezeption vom Campingplatz.


In diesem Jahr bereitet das Wetter den Insulanern große Sorgen. Seit Mai ist es durchgängig viel zu niederschlagsreich und zu kalt. Nichts zu spüren von den üblichen jahreszeitlichen Veränderungen mit einem Frühling, der im Mai beginnt, einem eher feuchten Juni und hochsommerlichen Monaten Juli und August, ehe Ende August, Anfang September die ersten Stürme den nahen Herbst ankündigen. Inb diesem Jahr regnet es nahezu ununterbrochen, die Zeltwiese ist unbenutzbar, es ist weniger Platz, um Camper unterzubringen und dabei strömen sie doch in diesem Jahr so zahlreich wie unerwartet. Wir haben Glück: wir sind schon gegen Mittag da und bekommen bei Abreise einzelner Wohnmobile direkt einen Platz ganz vorne an der Kaimauer zugewiesen. Zu jedem dieser Plätze gehört eine Picknickgarnitur und mit unseren 2019 in der Hardangervidda erworbenen Schaffellen sitzen wir dort sehr gemütlich und schauen auf den Nordatlantik, Kreuzfahrtschiffe nach und von Alesund ziehen vorbei und einige andere große Kähne. An unserem Ankunftstag machen wir nichts, lassen die Eindrücke dieser einzigartigen Umgebung auf uns wirken, laufen mit den Hunden und werfen den Grill an. Es sind einige Gäste da, die zum Teil schon seit vielen Jahren jedes Jahr den langen Weg nach Runde auf sich nehmen und ihren Urlaub wie eine Art Heimatbesuch in der Ferne verbringen. Der Platz ist sehr liebevoll und familiär geführt und es gibt alles, was es braucht. Heiße Dusche, Ver- und Entsorgung – alles inklusive. Mich haben die Sanitäreinrichtungen an meine Kindheit und das Badezimmer meiner Großeltern auf dem Land erinnert – nicht kleine Duschkabinen, sondern jede ein eigenes kleines Badezimmer.

Am nächsten Morgen gibt es das legendäre AXA Blåbær Müsli mit Erdbeeren, Blaubeeren und Joghurt – wir wollen abends auf den Vogelfelsen und brauchen Energie. Die stiftet außerdem auch die Sonne. Heute hat sie sich gegen Regen und Kälte durchgesetzt und schwingt sich zu einem fabelhaften Sommertag auf.


Die Papageientaucher, Lundevögel oder Puffins kommen abends zwischen 20 und 24 Uhr vom Meer zurück und sitzen dann vor ihren Bruthöhlen, wo man sie gut beobachten kann. Den Tag verbringen wir entspannt, Stefan läuft schon eine erste Runde zum Runde Fyr, dem Leuchtturm und nimmt die Hunde mit. Gegen 19 Uhr brechen wir dann gemeinsam auf, die Hunde lassen wir da natürlich im Wohnmobil. Mit dem schweren Kamerarucksack auf dem Rücken geht es los. Steil bergauf. Zwar ist der Weg anfangs asphaltiert, später geschottert und noch später oben auf dem moorigen Plateau mit Trittsteinen und Bohlen ausgelegt aber die Steigung ist so derart steil, dass meine Fußgelenke über diese physikalische Unmöglichkeit fast in Streik treten. Eine Stunde etwa brauchen wir für den Aufstieg und während auf der Land zugewandten Seite der Insel den ganzen Tag die Sonne schien, laufe wir immer tiefer in die dichten Wolken auf der Seeseite.




Irgendwann sind wir oben – sehen unterwegs Skua – Raubmöwen und Tordalke, letztere in großer Zahl auf ihrem Brutfelsen. Zwischendrin Schafe und Ziegen, die ihrerseits interessiert die vielen Fotografen auf dem Felsen beobachten. Hin und wieder schlendern sie hin, als wollten sie sich als das einfachere und ungefährlichere Fotomotiv anbieten. Denn um die Lundevögel sehen zu können, muss man sehr weit an den steil ins Meer abfallenden Rand des Felsens. Da allerdings hocken sie zu tausenden. Fliegen ein, sitzen auf dem Felsen, wirken sehr sozial im Umgang mit ihren Artgenossen und sind einfach bezaubernd anzuschauen. Clowns der Meere heißen sie auch mit ihren Masken und leuchtenden Schnäbel und Ständern, der leicht plumpe kleine Körper – man kann gar nicht anders, als beim Anblick so vieler dieser wunderschönen Tiere tiefe Glücksgefühle zu entwickeln. Später werde ich feststellen, dass die Kamera leider trotz aller eigener Versuche um einen Werkstattbesuch nicht herumkommt und natürlich Handyfotos – noch dazu in dichter Wolkendecke nur ein winziger Trost sein können. Aber wir haben es erlebt und selber gesehen, wie die kleinen Kerle unmittelbar vor uns uns genauso neugierig beäugen, wie wir sie. Gar nicht scheu und völlig unaufgeregt.

Der Abstieg ist fast ebenso anstrengend wie der Aufstieg, in dieser Richtung vor allem für die Knie aber ich bin froh, mein inneres Schmerzgeheul überwunden zu haben.


So richtig dunkel wird es hier ja nicht und als wir wieder aufstehen und ich an der Campingplatz-Rezeption ein Brot hole, kaufe ich gleich noch Postkarten als Fotoersatz und zwei Frühstücksbretter mit Lundevögeln über dem Meer als Andenken. Wir schwärmen Familie Goksøyr vor, was wir an Artenreichtum alles sehen und erleben durften und ich verspreche mir selbst, an diesen Ort komme ich zurück. Runde ist magisch und einer der zauberhaftesten Orte, an denen ich bislang sein durfte. Aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse konnten wir die Fahrt mit dem Beobachtungsboot zu den Vogelfelsen nicht machen und allein das ist schon Grund genug, wiederzukommen. Von hier aus wenden wir uns nun Richtung Süden.

